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BMBF-TERAART-Projekt beendet

30.09.2011 16:36 (Kommentare: 0)

Der Ikonoklasmus ist ein historisches Phänomen, das bis in die Gegenwart zu Verlusten von Kunst- und Kulturgütern geführt hat. Der „Bildersturm“ hinterließ auch in der christlichen Kultur seine Spuren und kulminierte in den reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts. Der damit einhergehende Bilderstreit verlief nicht nach einheitlichen Regeln, sondern spiegelte den Richtungsstreit der Reformatoren wieder.

In diesem Zeitraum gingen zahlreiche Altäre und figürliche Darstellungen verloren. Die Mehrzahl der mittelalterlichen Wandmalereien wurde hingegen nur augenscheinlich durch Überdeckung mit einer Kalktünche zerstört. So befinden sich in einer größeren Zahl von Kirchen Hinweise auf Malereien, die bisher nicht freigelegt wurden.

Die Freilegung verdeckter Schichten wird kontrovers diskutiert, da diese dabei meist beschädigt werden. Das geht mit einem endgültigen Verlust der originalen Substanz und historischer Informationen einher.

Der Einsatz von Sondierungstechniken, die berührungslos und zerstörungsfrei die Wandmalereien unter den Kalktünchen sichtbar machen, ist ein wesentliches Desiderat der Kunstwissenschaft.

Das Verbundprojekt TERAART nahm diesen Gedanken auf und beschäftigte sich mit der Entwicklung und Anwendung eines mobilen Terahertz-Scanners, mit dessen Hilfe man direkt am Objekt Zerstörungen überdeckter Wandmalereien, die innerhalb der religiösen Konflikte des 16. Jh. entstanden sind, untersuchen kann.

Am Forschungsverbund waren das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) Dresden, das Forschungsinstitut für Denkmalpflege und Archäometrie (FIDA) Potsdam, die Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden und das Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden beteiligt.

Voraussetzung war die Suche nach geeigneten Sakral- und Profanbauten mit überdeckten mittelalterlichen Wandmalereien. Das Teilprojekt Kunstgeschichte der TU Dresden recherchierte geeignete Messobjekte und die historischen Ursachen der Verdeckungen. Im Laufe der wissenschaftlichen Diskussion hat sich der Begriff „Bildersturm“ als politisch konnotiert und problematisch herausgestellt. Hilfreich hierfür waren die veranstaltete Ringvorlesung („Betriegliche Bilder“ WS 2009/10) und ein gemeinsames Seminar mit Historikern. Die Suche nach Objekten gestaltete sich trotz intensiver Recherche als schwierig, da Quellenmaterial zum Umgang mit Wandmalereien im 16. Jh. rar ist und eine große Zahl von Kirchen historisch überformt oder schon restauratorisch überarbeitet wurden. Wichtig war hierbei insbesondere die Zusammenarbeit mit den Landesdenkmalämtern und Restauratoren vor Ort. Als Ergebnis wurde ein Reader mit Quellentexten zur Bilderdebatte des 16. Jahrhunderts und mit kurzen Einleitungen erstellt. Eine ergänzende Arbeit stellten zwei Einzelstudien dar, die Untersuchung der Wallfahrtskirchen in Sachsen und der religiöse Umbruch im Bischofssitz Meißen. Dabei konnten eine Anzahl von Wallfahrtskirchen nachgewiesen werden. In der Stadtgeschichte von Meißen ließen sich in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts keine Hinweise auf offene Konflikte zwischen Bürgerschaft und Bischof finden.

Die Suche und Auswahl der Messobjekte erfolgte in Zusammenarbeit mit der HfBK Dresden. Das kunsttechnologische Teilprojekt der HfBK bearbeitete zwei Themenbereiche, die Bereitstellung geeignete Probekörper für die Laboruntersuchungen und die Voruntersuchung ausgewählter Beispielobjekte. Ausgehend von einer Recherche des aktuellen Wissensstandes zur Maltechnik mittelalterlicher Wandmalerei wurden Testkörper aus typischen Materialien vom Einzelphänomen bis zu komplexen Modellen überdeckter Malerei erstellt. Die Voruntersuchung ausgewählter Beispielobjekte beinhaltete die Recherche zu bisherigen Untersuchungsergebnissen, deren Informationen durch eigene restauratorische Untersuchungen und Laboruntersuchungen ausgebaut wurden.

Die Beispielobjekte sind in den verschiedensten Werktechniken ausgeführt. Von leimgebundener Seccomalerei über Mischtechniken zu hauptsächlich freskal gebundener Kalkmalerei und Freskotechnik liegt eine große Bandbreite mittelalterlicher Wandmalereitechniken vor.

Von den naturwissenschaftlichen Projektpartnern, des IWS und der FIDA, wurde zu Projektbeginn ein mobiles THz-Zeitdomänenspektroskopie-Scannerssystem konzipiert und aufgebaut. Das hochsensible THz-Messsystem kann mit einem PKW transportiert werden und ist nach ca. 2h Aufbau- und Justagezeit einsatzbereit.

Besondere Aufmerksamkeit galt den Einflüssen der Oberflächenrauheit und des Wassers auf die Messergebnisse. So konnten die Voraussetzungen für die Visualisierung verborgener Wandmalereien geschaffen und grundlegende Ergebnisse für THz-Untersuchungen an Kunst- und Kulturgut, beispielsweise für die Hohlraumdetektion, erarbeitet werden.

Durch systematische Laboruntersuchungen ist es gelungen, an präparierten Probekörpern unter Tünche verborgene Wandmalereien durch THz-Strahlung sichtbar zu machen.

Bei den folgenden Messungen an verdeckten Wandmalereien in Sakral- und Profanbauten erwies sich das THz-System auch unter schwierigen Bedingungen als praxisgeeignet. Es ist möglich, mechanische Strukturstörungen, wie sie für ikonoklastische Zerstörungen typisch sind, zu detektieren.

Dabei zeigten sich Probleme, die durch Geräteweiterentwicklungen gelöst werden konnten. Weitere Verbesserungen sind durch Winkelkorrekturen des THz-Messkopfes, der Verringerung der THz-Strahldurchmesser, der Erhöhung der Messpunktdichte und der Weiterentwicklung der Visualisierungsmethoden unter Berücksichtigung der konkreten Oberflächentopografie, sowie material- und problemspezifischer Eigenschaften und Merkmale möglich.

Aus den Projektergebnissen ergeben sich zahlreiche Lösungsansätze für Probleme die weit  über die zerstörungsfreie Visualisierung  mittelalterlicher Wandmalereien hinausgehen.

Im Rahmen der Denkmalpflege, der Restaurierung und zur Erschließung von Bildquellen für die Kunstgeschichte ist eine Weiterentwicklung der THz-Methode alternativlos und von höchstem Nutzen. In Zukunft lässt sich der Untersuchungsgegenstand auf die Umgestaltungsprozesse und Übermalungen von Kirchenausstattung in religiösen Kontexten bis in das 18. Jh. ausweiten.

[1]  M. Panzner, Andrea Schmid , Wolfram Köhler, Adam Rosowski, Udo Klotzbach, Andreas Wetzig and Eckhard Beyer,  „ Possibilities and Challenges of Terahertz Time Domain Spectroscopy for Hidden Wall Paintings Investigation”, Laser in the Conservation of Artwork IX,
London, September 7 – 10, 2011

[2]  M. Panzner, U. Klotzbach, W. Köhler, A. Schmid, E. Beyer, “Untersuchung von Kunstobjekten mit Terahertz-Zeitdomänenspektroskopie”, Restauro 8/2010, S. 524 – 531

[3]  M. Panzner, G. Torosyan, A. Schmid, W. Köhler, U. Klotzbach, E. Beyer,

„THz-Time Domain Spectroscopy – A new tool for the analysis of artwork“, Lasers in the Conservation of Artwork VIII – Radvan etal. (eds), 2011 Taylor & Francis Group, London, ISBN 978-0-415-58073-1

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